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Kommentar: Schönen Gruß von Churchill

„Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“, soll Winston Churchill einst in den harten Zeiten des Zweites Weltkriegs gesagt haben, als gezielte Kommunikation längst mit zum Waffenarsenal gehörte. Ausgerechnet eine Statistik aus Großbritannien gibt jetzt besonderen Anlass zur Vorsicht. „journalistic.org“ spricht hier in eindrucksvollen Zahlenkolonnen das Elektroauto selig.

Diese Quelle, die mit dem Vertrauensbonus der vierten Macht kokettiert, gibt sich als PR-Agentur eines Vergleichsportals zu erkennen. Kernkompetenz vom Kunden „Uswitch“ ist der Vergleich von Stromanbietern. Von Strom verstehen die also etwas und wollen deswegen offenbar die Chance der Elektromobilität nutzen. Da kann schon einmal die Fantasie mit einem durchgehen. Was ist schon befriedigender als Geld zu verdienen und die Welt zu retten?

Vom reinelektrischen Auto weiß jeder, dass ihre Emission null sein soll. Und einem Plug in-Hybridfahrzeug muss man nicht mehr als 30 Prozent der Emissionen eines Verbrennungsmotors zurechnen. Die Emissionen, die bei Bau, Betrieb und Entsorgung entstehen, setzen wir einfach für beide Fahrzeugklassen gleich. Dann müssen wir nur noch den heutigen Bestand hochrechnen auf 2030, die durchschnittlichen Fahrleitungen dazurechnen und am Ende weiß ich genau, wieviel der Meeresspiegel angestiegen sein wird. Alles nur eine Frage der Grundrechenarten.

Beginnen wir mit den einfach zu begreifenden Zahlen. Für 2020 starten sie mit einem Elektroautobestand (batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-ins) bei gut drei Millionen E-Autos. Das ist zwar um knapp 200.000 zu hoch gegriffen, aber die Differenz ist unerheblich, wenn man das Ende bedenkt. Für 2030 prognostizieren sie 252.205.557 E-Autos (Glückwunsch zu der exakten Zahl!). Das entspricht ziemlich genau dem europäischen Bestand an Automobilen aller Art im Jahr 2020. Das heißt: 2030 sind alle Automobile in Europa E-Mobile. Traum oder Albtraum?

Der zweite Irrtum im Ansatz wird besonders in diesen Zeiten unsicherer Energieversorgung sichtbar. Die Agentur geht davon aus, dass alle Elektroautos mit Strom aus erneuerbaren Quellen geladen werden. Nur dann stimmt die Zero-Emission-Vorgabe. Das Beispiel der Stromerzeugung in Deutschland zeigt, wie schnell Träume platzen können, wenn dein böser Nachbar im europäischen Haus es so will.

Die Erneuerbaren Energien hatten in Deutschland 2021 einen Anteil von knapp 46 Prozent. Davon lieferte die Biomasse 8,8 Prozent. Auch wenn die Reaktoren mit Grünabfällen laufen, so wird die aktuelle Diskussion (Essen statt Kraftstoff) sicherlich an dem Bioanteil in der Stromproduktion knabbern. Die 12,2 Prozent der Kernenergie fallen zum Jahresende weg. Und die 10,5 Prozent Erdgas werden im Zweifel nicht in die Stromproduktion fließen. Bleiben uns die Steinkohle (aus Russland) und die Braunkohle. Also her mit der Kohle! Da sich die Solar- und die Windenergie erst mittelfristig wieder mit Zuwachsraten melden werden, bleibt dies das wahrscheinlichste Szenario für die Stromversorgung in den nächsten Jahren: Zwei von drei Kilowattstunden sind Kohlestrom.

Es wird also so schnell nichts mit dem Traum, dem Klima mit sauberem Strom zu helfen. Eher wird es wieder realistischer, dass Studien unter diesen Umständen bald zu dem Schluss kommen: Der sauberste Antrieb für die persönliche Mobilität im Automobil ist jetzt und bis auf weiteres der moderne Verbrenner mit Diesel. Das ist natürlich keine gute Botschaft für die Leute vom Stromhandel.

Absicht, Fantasie oder Böswilligkeit? Angesichts der Realitäten und der extrem hohen Strompreise ragt dieses Rechenexempel aus dem Kreis der üblichen Studien als ein zu dreister Versuch des Greenwashing heraus. Der Meeresspiegel würde diesen Berechnungen von journalistic.org zum Trotz dennoch steigen und Churchill hätte einen Grund zum Lästern. (aum)

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Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Foto: Auto-Medienportal.Net

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Schön wär's: Falsche Vorhersage der Emissionen als Ergebnis falscher Annahmen.

Schön wär's: Falsche Vorhersage der Emissionen als Ergebnis falscher Annahmen.

Foto: Autoren-Union Mobilität/journalistic.org

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